Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite / Service / Geschichte / Wilhelm Bracke

Wer war Wilhelm Bracke?

Braunscheiger Zeitung: Schüler pflegen Ehrengrab, mehr ...

Mal ganz ehrlich, für welchen Politiker oder anderen Prominenten würden Sie heute einen unbezahlten Urlaubstag nehmen, um sich der Trauergemeinde zu dessen Begräbnis anzuschließen?

Wilhelm Bracke

Halb Braunschweig muss aber 1880 auf den Beinen gewesen sein, um Wilhelm Bracke in Ehren zu Grabe zu tragen. Tausende Bürger verzichteten an diesem Tag auf Lohn für fehlende Arbeitsstunden, wobei der Arbeitslohn im 19. Jahrhundert fürs Überleben ohnehin kaum reichte. Wilhelm Bracke war der Sohn einer wohlhabenden Familie in Braunschweig und ihn betrauerten nun diejenigen, denen nichts anderes übrig geblieben war, als mit Hungerlöhnen und bis zu täglich zwölfstündiger Arbeit den Reichtum bürgerlicher Familien zu schaffen? Verständlich erscheint dies zunächst nicht.

Wilhelm wurde  am 29. Mai 1842 in Braunschweig geboren und besuchte als Schüler das noch heute bestehende Gymnasium Martino-Katharineum. ElternhausSeine schulische und eigenständige Bildung, die Erfahrungen im väterlichen Müllerei-Betrieb und Einflüsse verschiedener Menschen ließen allerdings eine Persönlichkeit entstehen, welche die Eltern nicht glücklich gemacht haben dürfte. Wilhelm schleppte nämlich gemeinsam mit den Arbeitern des Vaters schwere und staubige Mehlsäcke. Für die Eltern, den Betrieb und das gesamte Vermögen kam es später noch schlimmer. Das einträgliche häusliche Geschäft mochte er nicht fortführen, wollte stattdessen Naturwissenschaften studieren. Seinem Vater teilte er schon in sehr jungen Jahren in einem Brief mit: „Ich will nicht Taler auf Taler häufen.“

Wilhelm wollte die damalige Welt grundsätzlich verändern, opferte dafür sein Vermögen und seine Gesundheit. Schon als junger Mann erkannte er die Ungerechtigkeiten der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, unter denen die abhängig Beschäftigen ihre Arbeitskraft billig verkaufen und die meisten Menschen daher ein erbärmliches Dasein führen mussten.

Wilhelm stammte aus privilegierter Schicht und hatte bereits als Kind und Gedenktafel in BraunschweigJugendlicher die erforderliche Zeit und die Mittel um Bildung zu erlangen, musste nicht, wie die meisten seiner Altergruppe, tagtäglich unter Menschen verachtenden Bedingungen für den Lebensunterhalt der Familie schuften. Unter Hunger dürfte er zu Hause nie gelitten haben. Dass er aber rasch über den häuslich gut gedeckten Tisch hinaus schauen konnte, die Notwendigkeit von Bildung für alle erkannte und als politisches Ziel für alle forderte und dafür konsequent kämpfte, ist ein wesentlicher Teil seines Lebenswerks.

Lesen wir nach bei Wilhelm Bracke: „Das gleiche Recht für alle fordert daher, dass die heutigen Klassenschulen (nach sozialer Herkunft sortiert, Autor) beseitigt werden und eine einzige Schule gegründet wird, deren höchste Stufe die Universität ist. In diese eine Schule haben alle ihre Kinder zu senden, ob reich oder arm, und die Verhältnisse sind so zu regeln, dass auch die ärmsten Kinder sich die höchste Bildung anzueignen vermögen, bis in die Universität hinauf, wenn sie nur tüchtig und fleißig sind. Dann werden wir auch gute Schulen haben.“ (Wilhelm Bracke, 1877)

Er gründete eine Druckerei, einen Verlag und eine Arbeiterzeitung. Neben der regelmäßigen Ausgabe der Zeitung wurden auch unzählige andere Broschüren und Bücher veröffentlicht, die alle dem Kampf für eine bessere Welt dienen sollten.

Wahlerfolg 1872Letztlich ruinierte ihn dies finanziell. Wilhelm Bracke war also Kaufmann, Journalist, Schriftsteller und Verleger. An erster Stelle war er aber einer der Sprecher und Anführer eines großen Teils der Arbeiterschaft geworden und dies weit über Braunschweig hinaus. Mit anderen bedeutenden Persönlichkeiten gründete er 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands. 1872 wurde er Stadtverordneter, 1877 wurde er in den Reichstag gewählt.

Wilhelm Bracke gab in seiner Zeitung und in seinem Verlag keine ängstlich weichgespülte Information. Die Ungerechtigkeiten im damaligen Deutschland wurden an den Pranger gestellt. Er nahm auch sonst in der Öffentlichkeit kein Blatt vor den Mund. Wegen seiner Forderungen nach Freiheit, Demokratie und Menschenrechten und seiner hohen Anerkennung durch die Massen der Arbeiterschaft wurde er von den Herrschenden der damaligen Zeit als Staatsfeind betrachtet.

Weil er die Besetzung französischer Gebiete durch deutsche Soldaten kritisierte, wurde er des Hochverrats beschuldigt und am 9. September 1870 verhaftet. Man verschleppte ihn „in Ketten“ in die Festung Boyen, ein Sondergefängnis in Lötzen (heute Giżycko, Polen) und dort verbrachte er drei Monate Haft unter unwürdigen Bedingungen.

Mit ihm und seinen Mitstreitern wurde man auf diese Weise jedoch nicht fertig. Die Angst der Herrschenden vor den berechtigten Forderungen der arbeitenden Bevölkerung war so groß, dass Gesetze erlassen wurden, um Menschen wie Wilhelm Bracke endgültig den Mund zu verbieten. Berühmt wurde seine Rede zum Sozialistengesetz im Reichstag: „Meine Herren, wir pfeifen auf das ganze Gesetz!“ Dennoch bedeuteten die Beschränkungen der so genannten Sozialistengesetze des Jahres 1878 für ihn den finanziellen Ruin, da sein Verlag kaum noch arbeiten durfte. In diesen hatte Grabstätteer jedoch den größten Teil seines Vermögens investiert. Seiner angegriffenen Gesundheit dürfte dies einen entscheidenden Hieb versetzt haben.

Der ehemals wohlhabende Sohn einer angesehenen Bürgerfamilie starb hoch verschuldet im Alter von 37 Jahren am 27. April 1880.

Wilhelm Bracke hatte den Besitz seiner Eltern auf seine Weise an die Arbeiter zurückgegeben, die durch ihre Arbeit den Reichtum mancher Familien geschaffen hatten. Nicht etwa direkt durch „Almosen“, sondern in der Absicht, der Arbeiterschaft des 19. Jahrhunderts aufzuzeigen, dass es eine gerechtere und demokratischere Welt geben kann und wie diese zu erreichen wäre. Ihm ging es immer um Information und Aufklärung, deshalb ist er ein Vorbild im Sinne politischer Bildung.

Wilhelm Bracke …
-          trat ein für gleiche Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen,
-          war gegen die frühe Selektion im Schulwesen,
-          wollte über das Bildungswesen die Klassenschranken überwinden.

Die erste Integrierte Gesamtschule Brauschweigs ist stolz auf ihren Namenspaten.

 

Das Elternhaus und Wohnhaus Wilhelm Brackes stand, der Gedenkstein steht in der Straße Hintern Brüdern, Braunschweig.

Quellen:
1. Rother, Bernd, Dem Manne des Volkes, dem Freunde der Menschheit, SPD-Broschüre, Volksfreund-Verlag, Braunschweig,
2. Georg Ekert, Wilhelm Bracke, in: Niedersächsische Lebensbilder Bd. 4 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachen). Hildesheim 1960. S. 46ff.
3. Frieder Schöbel: Wilhelm Bracke - Dem Manne des Volkes, dem Freunde der Menschheit. 3. Aufl., Braunschweig, 2005

Konrad Czudaj, Studienrat

Artikelaktionen

« März 2017 »
März
MoDiMiDoFrSaSo
12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031